
Ernst-Robert Novertne, Jahrespressekonferenz 2010
Meine Damen, meine Herren,
Herr Hülsdonk sagte eben schon richtig, NRW ist mit fast 18 Mio. Einwohnern das größte Bundesland und stünde als EU-Staat auf Platz sieben vor den Niederlanden. Und nicht nur das, wir können bilanzierend auch feststellen, dass NRW in einem Ranking der Bundesländer erstmals wieder als absoluter Gewinner mit neu zugelassenen Pkw hervorgeht. Die Bilanz 2009 in NRW weist 745.980 neu zugelassene Pkw aus. Das ist eine Veränderung zum Vorjahr von sage und schreibe plus 26,7 Prozent, während der bundesweite Vergleich lediglich eine Veränderung von plus 23,2 Prozent aufzeigt. In NRW sind somit mehr neue Autos über die Umweltprämie gefördert worden als in den übrigen Bundesländern. Wir sprechen hier von rund 380.000 geförderten Pkws in NRW – das ist fast die Hälfte der nordrhein-westfälischen Pkw-Neuzulassungen. Das Angebot 2.500 Euro vom Staat zu erhalten, hat die Menschen an Rhein und Ruhr in besonderem Maße elektrisiert.
Drücken wir diese Neuzulassungen einmal in Geld aus, hat sich der Umsatz bei den Neufahrzeugen mit knapp 12 Mrd. Euro um 14,6 Prozent nach oben katapultiert. Auch hier erlebte NRW im bundesweiten Vergleich, der bei plus 11,5 Prozent liegt, einen Höhenflug und das bei einer Entwicklung der vergangenen Jahre, der einen Boom im Kleinwagensegment erkennen ließ. Die Umweltprämie förderte dahingehend den Trend zu Kleinwagen und somit konnten leider nicht alle Hersteller davon profitieren. Während wir im Jahr 2008 bei den Gebrauchtwagenverkäufen über den Neuwagenhandel mit 6,4 Mrd. Euro ein Minus von 4,4 Prozent zu verzeichnen hatten, wurde dieses Minus mit Hilfe der Umweltprämie durch den Verkauf von Jahreswagen in ein Plus von ebenfalls 4,4 Prozent auf 6,7 Mrd. Euro umgewandelt. Die bundesweite Veränderung beläuft sich auf plus 5,3 Prozent.
Die Erklärung für beide Effekte ist einfach: Nach einer aktuellen Zwischenbilanz des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) von insgesamt 1,3 Mio. geförderten Fahrzeugen sind über die Konjunkturmaßnahme Umweltprämie rund 70 Prozent Neufahrzeuge und 30 Prozent Jahreswagen gefördert worden. Die Höfe der Kfz-Händler in NRW waren Anfang 2009 über Bedarf mit jungen Fahrzeugen bestückt, in den anderen Bundesländern standen wohl demzufolge noch mehr Jungfahrzeuge auf den Höfen herum als in NRW.
Der Zündfunke ist allerdings keineswegs für das Geschäft bei den freien Gebrauchtwagenhändlern übergesprungen. Im Gebrauchtwagenbereich waren die Verkaufszahlen schon vor Einführung der Umweltprämie rückläufig. Potenzielle Käufer von gebrauchten Klein- oder Mittelklassewagen haben verglichen, ob sie sich inklusive Prämie nicht eher einen Neuwagen anschaffen. Viele haben das getan, so dass die nicht prämienbegünstigten Gebrauchtwagen auf der Strecke geblieben sind. Und damit gehört der reine Gebrauchtwagenhandel mit einem deutlichen Umsatzminus von 4,6 Prozent auf 1,9 Mrd. Euro zu den tatsächlichen Verlierern der Umweltprämie. Diese sogenannten ‚Fähnchenhändler’ haben auch die Insolvenzzahl des Kfz-Handels nach oben getrieben. Während der reine Gebrauchtwagenhändler zu den wahren Verlierern der Umweltprämie gehört, sind andere Marktteilnehmer nur ‚gefühlte’ Verlierer.
Mit rund 6 Mrd. Euro und somit einem minimalen plus von 0,2 Prozent steht der Service in NRW noch auf der Habenseite unserer Bilanz. Trotz Umweltprämie war die Werkstattauslastung, wie Bundesinnungsmeister Wilhelm Hülsdonk schon sagte, zufriedenstellend. Während bei kleineren Werkstätten, die sich auf reine Servicearbeiten an den wirklich alten Autos spezialisiert haben, die Kundenrückgänge durch die Umweltprämie eher zu spüren waren, berichteten die meisten freien Werkstätten über neue Kunden.
Ursache ist die Wechselwirkung der Umweltprämie. Für Halter ohne prämienbegünstigte Fahrzeuge gab es im letzten Jahr keine interessanten Neuwagenangebote. So wurde der Wagen weitergefahren und anstehende auch größere Reparaturen in Auftrag gegeben. Das Wartungs- und Reparaturgeschäft im Kfz-Gewerbe ist und bleibt ein sicheres Standbein für unsere Branche, denn unsere Servicedienstleistungen, davon bin ich überzeugt, liegen auf einem guten Niveau. Voraussetzung ist natürlich, dass die Chancen und Perspektiven, die eine immer vielseitiger werdende Automobilwirtschaft bietet, von den Betrieben richtig genutzt werden. Der Fahrzeugbestand wird auch trotz der im letzten Jahr abgewrackten Fahrzeuge älter und der Service in den Kfz-Meisterbetrieben wird durch die zunehmende Fahrzeugkomplexität künftig an Wichtigkeit gewinnen.
Lassen Sie mich einige Worte zum Stundenverrechnungssatz in NRW, also dem Preis einer Werkstattstunde, sagen. Unsere Betriebe kommen nicht umhin, für alters- und zielgruppengerechte Fahrzeuge mit Paketpreisen in den Markt zu gehen. Durch das Angebot der Paketpreise verringerte sich zur Freude der Autofahrer der Stundenverrechnungssatz und hat sich in NRW im Vergleich zum Jahr 2008 um 1,5 Prozent von 78,24 auf 76,34 Euro reduziert. Meine Damen, meine Herren, zugrunde liegt hier der ermittelte offizielle Stundenverrechnungssatz aus unseren Branchenbetriebsvergleichen.
Dennoch: Automobiler Service ist und bleibt trotz Senkung des Stundenverrechnungssatzes um 2 Euro personalintensiv und ist kein Billigangebot, weil diese Servicearbeiten nur mit hoch qualifizierten Mitarbeitern bewerkstelligt werden. Hinter diesem qualitativ anspruchsvollen Service stehen in NRW 76.490 Beschäftigte in 9240 Kfz-Betriebsstätten. Obwohl wir in NRW leider einen Rückgang gegenüber dem Vorjahr von 1,3 Prozent bei den Beschäftigten haben, ist ein Zuwachs von 0,5% Prozent bei den Kfz-Betriebsstätten zu verzeichnen. In einem konjunkturell ganz gewiss nicht einfachen Umfeld mussten 725 Betriebe, darunter immer mehr familiengeführte Handelsbetriebe, ihre Selbständigkeit aufgeben, demgegenüber standen allerdings Existenzgründungen im Kfz-Technikerhandwerk. Denn 774 neue Kfz-Betriebe wurden in die Handwerksrolle eingetragen. Wobei die Existenzgründung oft eine Reaktion auf den Arbeitsplatzverlust war.
Um Arbeitsplatzverluste zu vermeiden war in einzelnen Branchen im vergangenen Jahr Kurzarbeit für fast jeden Dritten Beschäftigten angemeldet worden. Im nordrhein-westfälischen Kfz-Gewerbe ist das Instrument der Kurzarbeit bislang wenig genutzt worden, da der personalintensive Bereich im gut ausgelasteten Serviceressort liegt. Die Verkäufer haben ihre durch die Umweltprämie entstandene Mehrarbeit durch Überstunden und Urlaub erst im Herbst abbauen können.
Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im nordrhein-westfälischen Kfz-Gewerbe ist zum Stichtag 31.12.2009 bedauerlicherweise um 5,9 Prozent zurückgegangen. Zwar ist neben der wirtschaftlichen Situation dafür auch der demografiebedingte Rückgang der Schulabgängerzahlen verantwortlich, dennoch ließ die schwierige wirtschaftliche Lage die Betriebe scheinbar zögern, Kfz-Mechatroniker-Lehrlinge im gleichen Umfang wie im Jahr zuvor einzustellen. Gleichwohl es erfreulich ist, dass der Ausbildungsberuf Kfz-Servicemechaniker einen Anstieg um 8,3% Prozent verzeichnen kann. Die Betriebe nehmen scheinbar die Vorteile, die diese zweijährige Ausbildung beiden Seiten bietet, immer stärker in Anspruch.
Das Kfz-Gewerbe NRW hatte vor fünf Jahren den Kfz-Servicemechaniker mit Hochspannung als Pilotprojekt aus der Taufe gehoben. Aktuell wird dieser Beruf 3.200 mal in fast allen Bundesländern ausgebildet. Mit der erfolgten Verlängerung der Ausbildungsordnung des Kfz-Servicemechanikers bis zum Jahre 2013 wurde der Staffelstab des Pilotprojektes Anfang dieses Jahres an die Bundesebene übergeben. Diese soll nun die Einbindung in die Ausbildungsmatrix der Kfz-Branche vorantreiben. Denn das Kfz-Handwerk wird sich zukünftig darauf einstellen müssen, dass ausbildungswillige Betriebe nur noch wenig qualifizierte Bewerber für den anspruchsvollen Beruf des Kfz-Mechatronikers finden.
Der überwiegende Bedarf an Bewerbern wird nicht allein durch Realschüler, sondern auch durch Hauptschüler mit nicht so guten Schul- und Kopfnoten abgedeckt werden, so dass für diese der Beruf des Kfz-Servicemechanikers ideal ist. Dieser Berufszweig hat mit nur zwei Jahren Ausbildungsdauer und Ausbildungsinhalten, die stärker die praktischen Arbeiten in einem Kfz-Betrieb betonen, eine hohe Attraktivität bei Schülern mit schwächerem Schulabschluss. Er bietet aber mit der Möglichkeit zur Fortführung der Lehre zum Kfz-Mechatroniker mit dreieinhalb Jahren Ausbildungszeit alle Chancen für einen beruflichen Aufstieg im Kfz-Gewerbe.
Derzeit machen rund 40 Prozent der Kfz-Servicemechaniker vom Durchstieg zum Kfz-Mechatroniker Gebrauch. Nichts desto trotz: Ungeachtet des Ausbildungsrückgangs gehört das Kfz-Gewerbe in NRW auch weiterhin zu den ausbildungsstärksten Handwerken. Und ich bin mir ganz sicher, trotz schwieriger Geschäftsaussichten und vielfach großer Umsatzrückgänge werden die nordrhein-westfälischen Betriebe auch zukünftig versuchen, ihr hohes Ausbildungsengagement aufrechtzuerhalten. In Sachen Berufsausbildung sind wir in NRW der Branchenmotor. Das macht die einzigartige Erfolgsstory des Kfz-Servicemechanikers deutlich.
Das, meine Damen und Herren, waren die Bilanzzahlen 2009 des Kfz-Gewerbes Nordrhein-Westfalen. Das ausführliche Zahlenwerk entnehmen Sie bitte Ihren Presseunterlagen. Ich möchte abschließend noch kurz auf einige Themen, die außer der Umweltprämie in unserer Branche einen hohen Stellenwert haben, eingehen.
Spannungsgeladen geht das Land mit dem Thema ‚Elektromobilität’ um. Mit der Modellregion Rhein-Ruhr, in der 10 Mio. Menschen leben, sind die besten Voraussetzungen zur Umsetzung gegeben. Wir vom Kfz-Gewerbe NRW sind im Beirat Masterplan Elektromobilität vertreten, weil wir uns schon heute um den Kauf, den Service und die Reparaturen der nicht einmal 3.500 Elektrofahrzeuge in NRW kümmern. Das politische Ziel, die Anzahl der E-Mobile binnen zehn Jahren auf 200.000 zu erhöhen, ist unseres Erachtens ehrgeizig. Bei einem Fahrzeugbestand in 2020 von mehr als 12 Mio. Fahrzeugen würden die Elektromobile einen Bestand von zwei Prozent ausmachen.
Meine Damen, meine Herren, ich sagte es eingangs, wir hatten 2009 ein Branchenmärchen beim Neu- und Gebrauchtwagenverkauf. Das Märchen ist seit dem Herbst 2009 vorbei, und Sie wissen, wie Märchen enden. Nun ist für meine Branchenkollegen ein überlegtes Handeln und Reagieren sowie ein Fahren auf Sicht gefordert, und hoffentlich haben die Händler in NRW vom Gewinn des vergangenen Jahres etwas in die Schatztruhe legen können, damit die noch bevorstehende schwierige Zeit in diesem Jahr überbrückt werden kann.
Lassen Sie mich abschließend noch eine Klientel aus unserer Mitgliederreihe ansprechen, deren Bilanz nicht annähernd so gut im vergangenen Jahr ausgefallen ist wie bei uns im Autohandel. Ich spreche hier vom Motorradgeschäft. 2009 gab es im Motorradhandel einen Rückgang um 17 Prozent bei den Neuzulassungen. Insgesamt wurden ca. 100.000 neue Motorräder weniger neu zugelassen als noch vor zehn Jahren. Dies ist ein böses Saisonerwachen und viele Betriebe kämpfen ums Überleben. Die Branche befindet sich in einer tiefen Strukturkrise. Einen positiven Schub könnte hier möglicherweise eine Umsetzung für ein neues Führerscheinrecht in Form der dritten EU-Führerscheinrichtlinie geben. Die Beratungen dafür sind zu Beginn dieses Jahres angelaufen. Im Kern dieser Führerscheinneuregelung geht es uns um die Forderungen, dass
- Leichtkrafträder bis 125 ccm der Klasse A1 wieder in die Führerscheinklasse für Pkw eingebunden werden sollen und
- dass das Mindestalter für den Kleinkraftrad-Führerschein und damit das Fahren bis 45 km/h auf 15 Jahre gesenkt werden soll.
Diese beiden Regelungen bergen ein großes wirtschaftliches Potential für den Zweiradhandel und wir unterstützen diese Initiative ohne Wenn und Aber. Die Branche muss jetzt zusammenstehen und sich gegen den Widerstand der Bedenkenträger, die negative Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit an die Wand malen, durchsetzen. Sonst ist zu befürchten, dass in den nächsten fünf Jahren jeder zweite Motorradhändler in seinem Betrieb für immer die Lampen ausschalten muss. Das wäre nicht nur für die Menschen an Rhein und Ruhr fatal.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.






