Da staut sich was

[01.10.2015] Nichts ist auf der Fahrt in der dunklen Jahreszeit schlimmer als im Stau zu stehen.

Rund 475 000 Mal stockte der Verkehr im vergangenen Jahr auf 960 000 Kilometern. Allein der Oktober 2014 brachte es mit 107 000 Staukilometern auf einen Jahresrekord. Und das zu einer Zeit, in der es nicht das größte Verkehrsaufkommen gibt.

Stauforscher Prof. Dr. Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen erklärt, warum das so ist, es auf Umgehungsstraßen auch nicht schneller voran geht, und wie sich Autofahrer auf die Stau-Tücken in der kalten Jahreszeit einstellen können.

Was machen Oktober und November so stauanfällig?

Es ist die widrige Witterung: Starkregen, Glatteis, tief stehende Sonne, der erste Frost und Schnee. Blätter machen die Fahrbahn zur Rutschbahn, und im Berufsverkehr ist es jetzt meist dunkel.

Beschlagene Scheiben lassen die Fahrzeuge zudem größer und näher erscheinen. Autofahrer sind jetzt besonders vorsichtig, biegen langsamer ab. Der Durchlass an Anschlussstellen und Kreuzungen wird niedriger. Es kommt zum Rückstau.

Lohnt es sich da überhaupt, in den Stau hineinzufahren?

Wenn es Staus aufgrund von Überlastungen sind – das betrifft 60 bis 70 Prozent des stockenden Verkehrs, ist man auf der Autobahn auch mit 10 km/h gut aufgehoben.

In Baustellenbereichen mit nur einer Spur lohnt dagegen ein Umweg über Landstraßen oder andere Autobahnen. Allerdings sollte das Netz wie im Ruhrgebiet engmaschig sein und der Fahrer wissen, wohin die Reise geht. So altmodisch das klingt: Ein Blick vorab auf die Landkarte bringt Orientierung.

Navis empfehlen regelmäßig Umleitungen …

Die Geräte sind schnell mit Überaktionismus dabei. Sie liefern keine Prognosen, sondern eigentlich historische Zustandsberichte. Man weiß am Ende nicht: Was wäre gewesen, wenn…

Und wird eine eigene Umleitung gewählt, geht die Ankunftszeit häufig runter. Das ist schwer nachvollziehbar. Aber die Informationen werden im Laufe der Zeit ja immer besser.

Was sollten Autofahrer tun, wenn sie in den Stop-and-go-Verkehr geraten?

Gleichmäßig und kooperativ fahren, sonst erreicht die Kolonne nicht die Durchlasskapazität, die möglich ist. Abruptes Bremsen vermeiden und einen ausreichenden Sicherheitsabstand wahren.

Wer denkt, er komme mit einem ständigen Spurwechsel schneller voran – Irrtum! Das führt die Nachfolgenden geradewegs in den nächsten Stau.

Was die Sache auf Schnee und Eis nicht einfacher macht.

In der Tat. Autofahrer vergessen im Laufe des Jahres die Fahrweise im Winter. Bis sie wieder fit sind, dauert es drei Tage. Auf leeren Parkplätzen können Brems- und Lenkmanöver geübt werden.

Der kurze Bremstest nach jedem Start sollte zur täglichen Routine werden. Im Zweifelsfall und in Autos ohne Fahrerassistenzsysteme hilft es auch, einmal auszusteigen und sich die Fahrbahn anzuschauen.

Besonders auf Brücken und Flüsterasphalt ist die Glatteis-Gefahr groß. Nicht zu unterschätzen sind freie, saubere und nicht beschlagene Scheiben. Gefährliches Streulicht stört die Fahrt in die tief stehende Sonne.

Gibt es den optimalen Starttermin für die Reise in die Winterparadiese?

Wer in der Dunkelheit keine Sehprobleme hat, startet am besten nachts oder bei Anreise am Wochenende freitags nach dem Berufsverkehr. Dann schlafen auch die Kinder.

Der Fahrer sollte sich aber nur ausgeruht hinters Steuer setzen. Oder man fährt antizyklisch zur Stauprognose am Sonnabendvormittag.

Hat die Staufalle doch mal zugeschnappt, bleibt immer noch, den Weg zum Ziel zu machen. Warum also nicht während eines Stopps das Land abseits der Autobahn kennenlernen?

Wird es sich künftig noch mehr stauen?

Derzeit wird zwar mehr gefahren, weil die Spritpreise günstig sind. Aber das ändert sich auch wieder. Die Fahrer sind preissensibel. Das Pkw-Aufkommen stagniert seit zehn Jahren.

Der Anteil der deutschen Autofahrer hat ab- und der der ausländischen zugenommen. Diese Entwicklung wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen. Aber solange die Wirtschaft boomt, brummt auch der Güterverkehr auf der Straße. Und er wird zunehmen. Es muss also weiter saniert werden, vor allem die maroden Brücken.

Letzte Änderung: 01.10.2015